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Binge Eating Disorder

Definition

Der Begriff der Binge Eating Disorder wurde erstmals 1959 geprägt. Als eigenständige Diagnose gibt es ihn in den USA erst seit 1994.

Das Wort "Binge" wird in der englischen Sprache im Zusammenhang mit exzessiven Trinken gebraucht, sodass Binge Eating auch "Essen wie ein Besäufnis" bedeuten kann. Dies sagt bereits viel über die Natur der Binge Eating Störung aus und deutet ihre Nähe zu den Suchterkrankungen an.

Eine BES liegt dann vor, wenn wenigstens an zwei Tagen in der Woche über einen Zeitraum von sechs Monaten Essattacken (Binge Eating) auftreten. Eine Essattacke ist dadurch definiert, dass innerhalb von Minuten bis zwei Stunden ungewöhnlich große Mengen an Nahrungsmitteln konsumiert werden. Dabei können die Betroffenen nicht kontrollieren, wie viel sie essen oder wann sie mit dem Essen aufhören.

Außerdem müssen wenigstens drei der folgenden Punkte zutreffen:

  • Besonders schnelles Essen
  • Essen bis ein unangenehmes Völlegefühl einsetzt
  • Essen, ohne hungrig zu sein.
  • Aufgrund von Gefühlen der Schuld, Scham oder Peinlichkeit wird allein gegessen
  • Nach der Essattacke treten Gefühle von Ekel, Schuld oder Depressionen auf
  • Die Essattacken werden als belastend empfunden

Wichtig ist dabei die Abgrenzung zur Bulimie, der so genannten Ess-Brech-Sucht. Bei dieser Essstörung treten ebenfalls Essattacken auf. An Bulimie Erkrankte versuchen aber typischerweise durch drastische Maßnahmen zu verhindern, dass die aufgenommene Nahrungsmenge zu einer Gewichtszunahme führt und zwar durch:

  • selbst ausgelöstes Erbrechen
  • Fasten
  • übermäßige körperliche Anstrengung zum Verbrennen von Kalorien
  • Missbrauch von Abführ- oder Entwässerungsmedikamenten

Diese Verhaltensweisen treten bei der Binge Eating Störung nicht auf.

Auch das Essverhalten eines typischen Übergewichtigen unterscheidet sich von dem BES-Patienten: Es ist geprägt von einer kontinuierlichen übermäßigen Nahrungsaufnahme. Die für die Binge Eating Störung typischen Heißhungerattacken mit dem Verlust der Selbstkontrolle kommen bei typischen Übergewichtigen nicht vor.

Parallelen zum Alkoholismus

Der Leidensweg der von der Binge Eating Störung Betroffenen ähnelt dem eines Alkoholikers.

Die Personen, die unter derartigen Essattacken leiden, schämen sich oft dafür. Wenn der Heißhungeranfall gestillt ist, treten depressive Gefühle auf. Häufig wird dann versucht, weitere Essattacken zu unterdrücken, um wieder Selbstkontrolle über das eigene Essverhalten zu erlangen. Wenn dies scheitert, ziehen die Betroffenen sich häufig zurück und leben ihre Essattacken im Verborgenen aus. Dabei sind viele so geschickt, dass selbst nahe Freunde oder Familienangehörige nichts von der Essstörung erfahren.

Der Alkoholkranke fällt der Umwelt bald durch die Alkoholfahne auf, bei Binge Eating kann die Sucht meist besser versteckt werden.

Im angloamerikanischen Raum gibt es neben den Anonymen Alkoholiker-Gruppen auch die "Overeaters Anonymous". Sie gehen davon aus, dass Nahrung genauso Abhängigkeit erzeugen kann wie Alkohol oder andere Drogen. Sie arbeiten mit einem ähnlichen Zwölf-Punkte-Programm wie die Alkoholiker-Gruppen.

Häufigkeit

Etwa zwei Prozent der Bevölkerung leiden an einer Binge Eating Störung. Zwei von fünf BES-Patienten sind Männer. Essstörungen haben in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Die von BES Betroffenen berichten oft über lang andauernde Unzufriedenheit mit der eigenen Figur und haben bereits mehrere Diätversuche hinter sich. Auch Modetrends, Schlankheitswahn und Überfluss an Nahrungsmitteln scheinen auf die Störung Einfluss zu haben und lassen sie so zu einer weiteren Zivilisationskrankheit werden.

Viele der Betroffenen sind übergewichtig, aber nicht alle. Unabhängig von ihrem Gewicht fühlen sich BES-Patienten häufig übergewichtig und haben in der Vergangenheit bereits mehrere Versuche gemacht, mithilfe von Diäten abzunehmen. Der Beginn der Binge Eating Störung steht oft im Zusammenhang mit Diät-Versuchen, meist in der Zeit des frühen Erwachsenenalters. Forschungen haben ergeben, dass die Essattacken häufig in Zeiten von nervlicher Belastung auftreten.

Ursachen

Die genauen Ursachen der Binge Eating Störung sind bisher nicht bekannt. Etwa die Hälfte der Betroffenen waren jedoch in ihrer Vergangenheit einmal depressiv. Ob eine Depression die Binge Eating Störung erzeugt oder vielleicht die BES Teil einer Depression ist, ist nicht bekannt.

Die Betroffenen berichten oft, dass Gefühle von Ärger, Frustration oder Langeweile zu einer Essattacke führen. Es wird vermutet, dass unangenehme Empfindungen durch den Essvorgang auf angenehme Empfindungen umgelenkt werden. Essen ist dabei ein Symbol für Liebe und Geborgenheit.

Studien haben ergeben, dass Menschen mit emotionalen Schwierigkeiten manchmal unfähig sind, Hunger von anderen unbehaglichen Gefühlszuständen zu unterscheiden. Auch mögliche Zusammenhänge zwischen Diät-Versuchen und Essattacken sind noch ungeklärt. Die Wissenschaft versucht zu erforschen, wie Botenstoffe im Gehirn von der Binge Eating Störung beeinflusst werden, aber diese Untersuchungen sind noch im Anfangsstadium.

Symptome

Bei der Binge Eating Störung (BES) treten regelmäßige unkontrollierte Essattacken (mindestens zwei pro Woche über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten) auf, bei denen die Betroffenen enorme Nahrungsmengen in relativ kurzer Zeit verschlingen. Nach dem übermäßigen Essen entwickeln sie ausgeprägte Ekelgefühle gegen sich selbst sowie Schuldgefühle und depressive Verstimmungen. Oft sind Personen mit einer Binge Eating Störung übergewichtig, da sie nach den Essattacken keine kompensatorischen Verhaltensweisen (Erbrechen, Fasten, übermäßige körperliche Aktivität oder Abführmittelgebrauch) zeigen.

Diagnose

Die Diagnose einer Binge Eating Störung ergibt sich durch die Befragung der Betroffenen und aufgrund der bestehenden Symptome.

Therapie

Die Behandlung der Binge Eating Störung hat zwei Ziele:

  • Normalisierung des Essverhaltens
  • Behandlung der zugrunde liegenden seelischen Konflikte

Die verhaltenstherapeutische Behandlung der Binge Eating Störung ähnelt den Behandlungsstrategien, die für die Ess-Brech-Sucht (Bulimie) entwickelt worden sind. Das Ziel ist dabei, das Essverhalten zu normalisieren und den Essrhythmus zu regulieren. Oft wird dazu ein Tagebuch über die aufgenommene Nahrungsmenge geführt. Dies hilft, Stimmungen, Gefühle und Gewohnheiten herauszufinden, die zu Essattacken führen.

Verhaltenstherapeutische Strategien können dann helfen, eine vermehrte Selbstkontrolle zu gewinnen. Außerdem werden Bewältigungsstrategien für Stressfaktoren, die zu Essattacken führen, erarbeitet.

Weitere Therapieansätze

Gelegentlich wird dieses Vorgehen mit psychodynamischen Therapieansätzen kombiniert. Hier wird vor allem untersucht, welche Konflikte und Belastungen sich hinter der Binge Eating Störung verstecken und welchen Stellenwert diese in der eigenen Lebensgeschichte haben. Amerikanische Untersuchungen deuten darauf hin, dass Antidepressiva die Behandlung einer BES unterstützen können.

Da Gefühle der Unzufriedenheit mit dem eigenen Körpergewicht scheinbar zur Binge Eating Störung beitragen, beinhalten die Behandlungsansätze meist keine Diäten. Im Gegenteil sollen bei dem Ziel, wieder Kontrolle über das Essen zu erlangen, jegliche Versuche der Gewichtsabnahme unterlassen werden.

Solche Therapieverfahren berücksichtigen die negative Selbsteinschätzung des eigenen Körpers und Aussehens, die viele Betroffene haben. Es wird versucht, ihnen zu helfen, das bestehende Gewicht zu akzeptieren und sich gut im eigenen Körper zu fühlen. Eine Gewichtsabnahme soll sich dann durch das normalisierte Essverhalten von selbst einstellen.

Die Behandlung der Binge Eating Störung kann ergänzt werden durch Unterricht in Ernährungslehre und durch die Förderung einer angemessenen körperlichen Aktivität.

Personen, die vermuten, dass sie unter einer Binge Eating Störung leiden, sollten wissen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind. Oft sind Selbstheilungsversuche, das Essverhalten zu kontrollieren, gescheitert. Daher ist es unbedingt ratsam, professionelle Hilfe über einen Arzt oder Psychotherapeuten in Anspruch zu nehmen. Da das Krankheitsbild bisher noch wenig bekannt ist, kann es passieren, dass die Schwierigkeiten der Betroffenen nicht ernst genug genommen werden. Es ist daher günstig, früh Kontakt mit Gleichgesinnten in Selbsthilfegruppen aufzunehmen.

Komplikationen

Während der Essattacken werden häufig Nahrungsmittel verschlungen, die viel Kohlenhydrate und Fette enthalten, jedoch wenig Vitamine und Mineralstoffe. Es können daher langfristig Mangelerscheinungen auftreten. In amerikanischen Veröffentlichungen wird darauf hingewiesen, dass Menschen, die übergewichtig sind und an einer Binge Eating Störung leiden, unter einem höheren Risiko stehen, langfristig an bestimmten Krankheiten zu erkranken, wie etwa:

  • Diabetes mellitus
  • überhöhten Werten für Blutdruck und Cholesterin
  • Gallenblasen- und Herzerkrankungen
  • bestimmten Arten von Krebs






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